Mittwoch, 23. Dezember 2015

Zielen

Es ist schon ein paar Jahre her, dass ich zu Hause im Keller mit meinen Geschwistern Dart gespielt habe. Je nach Alter hatten wir natürlich eine unterschiedlich entwickelte Feinmotorik, Hand-Augen-Koordination und Armlänge, was sich natürlich positiv oder negativ auf mein Ergebnis auswirkte, je nachdem, ob ich gegen meine ältere Schwester oder meinen jüngeren Bruder spielte. Klar, dass ich da lieber gegen meinen jüngeren Bruder spielte und ihn als Lieblingsgegner hatte. Umso größer war aber die Freude, sobald ich gegen meine ältere Schwester gewann.
Oft begegnet mir ein Missverständnis. Ich habe es häufig bei mir beobachtet, umso mehr schmerzt es, dies bei anderen zu beobachten. Im Bild gesprochen handelt es sich dabei um das Zielen - wie auf eine Dartscheibe. Man braucht eine gute Koordination, Training, Feinmotorik und, ab und an, einen langen Arm. Es geht dabei um das Ziel der individuellen und kollektiven Ausrichtung. In erster Linie scheint dies von uns aus Gott zu sein. Doch das ist falsch. Ja, wir richten uns auf Gott aus, doch das ist nur ein Zwischenziel - ein gutes Zwischenziel. Aber das Zwischenziel ist nicht das eigentliche Ziel. Wir sollten uns fragen, wer eigentlich zielt. Das ist Gott. Wenn es Gottes Intention ist, dass wir uns individuell und kolltektiv auf ihn ausrichten, dann sollten wir eher diesem Ziel folgen. In unserer individuellen Ausrichtung auf Gott ist also ein Ziel, dass man sich in Gemeinschaft auf Gott ausrichten kann. In unserer kollektiven Ausrichtung auf Gott ist ebenso ein Ziel, dass wir uns individuell auf Gott ausrichten können. 
Dennoch - auch das ist nur ein Zwischenschritt und beschreibt die fromme Selbsterhaltung. Damit kann nur der "grüne 25-Punkte-Kreis", aber nicht der "rote 50-Punkte-Kreis" gemeint sein.
Betrachte ich das Evangelium, um den roten 50-Punkte-Kreis zu treffen, so gibt es folgende Beobachtung. "Evangelium" ist eine Kommunikationsgattung - also ein bestimmter Stil um etwas bestimmtes einer bestimmten Zielgruppe mit einem bestimmten Inhalt und einem bestimmten Anspruch mitzuteilen. Dieser Stil liegt uns in verschriftlichter Form in der Bibel vor. Um dem frommen Missverständnis vorzubeugen: "Evangelium" bedeutet wortwörtlich übersetzt die "frohe Botschaft". Der Inhalt dieser Botschaft ist eine Information über einen König. Das betrifft Geburt, Leben, Lehre, Tod und weiteres Befinden. Die Zielgruppe dieser Botschaft besteht aus allen Menschen im Herrschaftsbereich dieses Regenten.
Im christlichen Kontext wird dieser König mit Jesus identifiziert. Die theologische Bedeutung ist demnach: Weil Jesus der König der Welt ist, gilt das Evangelium allen Menschen - nicht lediglich den Christen. Alle Menschen sind im Herrschaftsbereich Christi - es ist an uns ihnen die frohe Botschaft zu bringen. Besonders jetzt aktuell, da wir morgen die Geburt feiern - was auch eine Nachricht ist, die in alle Teile des Herrschaftsbereiches gebracht werden musste.
Zurück zum Bild.
Wenn das Ziel Gottes ist, dass die Menschen in einer Beziehung zu ihm stehen sollen, die ihm gegenüber positiv und bejahend ist, dann kann eine fromme Selbsterhaltung nicht unser Ziel sein. Fromm ausgedrückt - nach der Bekehrung zu Christus, als dem eigenen Herrn, haben wir eine Bekehrung zur Welt nötig. Warum? Weil wir das genau jetzt zu Weihnachten feiern. Gott wendet sich allen Menschen zu - nicht lediglich denjenigen, die sich Christen nennen.
Advent bedeutet in der individuellen und kollektiven Ausrichtung auf Gott, Gottes Ausrichtung auf den Menschen zu erkennen. Das bedeutet ein Umdenken und Gottes Ziel nachzugehen - er zielt auch auf die Menschen, mit denen wir zu tun haben - ob wir die subjektiv leiden können oder nicht. Wir sollen nicht nur Gott und uns selber lieben. Wir sollen Gott lieben, von ganzen Herzen. Ja. Aber wir sollen auch unseren Nächsten lieben, so wie wir uns selber lieben. Dessen machen wir uns im Advent neu bewusst - was wir eigentlich jeden Tag tun sollten. Das betrifft den Mitbewohner, die Familie, genauso wie Kollegen oder der Typ in der Bahn neben uns. Umso mehr betrifft es aber auch diejenigen, die wir aus unserer Gesellschaft ausschließen - aus den unterschiedlichsten Gründen. Gott wendet sich zu - und wir?
Advent bedeutet, dass wir nicht Gottes Ziel sind. Advent bedeutet, dass Gott uns hineinnimmt in sein Ziel und in sein Zielen. Wir dürfen daran Teilhaben und uns stetig neu und weiter vorbereiten.

1 Kommentar:

  1. Eine zielgenaue, treffende Abhandlung!
    Grüße vom Dorfpfarrer auf der Weihnachtszielgeraden

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