Samstag, 19. Dezember 2015

Spannung

Sie ist schon ein paar Jahre alt und beginnt langsam zu verstauben. Ab und zu spiele ich dennoch gerne darauf. Es ist meine kleine Djembe, die ich vor ca. 6 Jahren begann mein Eigen zu nennen. Was man hier sieht, sind die Stricke, die nötig sind, um sie zu stimmen. Die richtigen Töne entstehen nicht lediglich durch die Schlagtechniken. Es ist nötig das Fell unter einer Spannung zu halten. Dadurch werden die Töne höher oder tiefer. Außerdem bewirkt eine größere Spannung eine klarere Trennung der Töne, so dass sie besser klingt. 
Nun, da wir uns wenige Tage vor Heilig Abend befinden, kommen mir mehr und mehr die verschiedensten Traditionen in den Sinn, die ich damit verbinde. Das berührt viele Ebenen. Zuerst auf der Gesellschaftlichen Ebene - der Weihnachtsrummel mit viel Klimbim, lauter Musik und übermäßig vielen Düften, Lampen und Ständen, der den Konsum anheitzen soll. Magna voce - mit lauter Stimme - soll in den Weihnachtsverkauf eingestimmt werden. Auf der Gemeindlichen Ebene der Gottesdienst mit seinen vielseitigen und dennoch bewährten Traditionen. Danach die Familieninternen Traditionen - der Ablauf, wie man als Familie gemeinsam das Fest zelebriert. 
Immer wieder begegnet mir in diesem Kontext eine Diskussion - und lange habe ich da mitdiskutiert:
"Traditionen seien veraltet." "Wir müssen alles neu erfinden." "Das versteht doch keiner mehr." "Das ist nicht modern!" "Die leben das doch eh nicht." "Das sind doch U-Boot-Christen, die Ostern und Weihnachten mal auftauchen..."
Viele dieser Meinungen sind mir begegnet - gerne habe ich (auch aus Provokation) in Diskussionen diese Meinungen mit dargestellt, vertreten oder gespielt. Doch mir reicht es mit dieser oberflächlichen Variante, denn eines haben sie alle gemeinsam - sie gehen am Kern der Sache vorbei und wollen gleichzeitig das Rad neu erfinden. Ansprechend soll es sein, aber einen nicht einbeziehen.
Eine Tradition um der Tradition wegen durchzuführen ist quatsch. Eine Tradition zu leben, ist besser, aber nicht unbedingt sehr viel besser. Es ist besser die Tradition zu durchdringen und verstehend zu leben und ausdrückend zu leben. Klingt kompliziert, ist aber ganz einfach.
Traditionen sind so, wie man eine Djembe stimmt. Es gibt ein Ziel - das Stimmen der Djembe und das Zelebrieren des Festes. Es gibt eine Zielgruppe, die nicht konsumieren, sondern feiern soll und will. Doch wie kann das erreicht werden? Das Bild gibt einen Hinweis. Wenn nicht alle Knotenpunkte miteinander, in gleicher Verteilung ihren Teil dazu beitragen, dass das Fell gespannt wird, klingt die Djembe nicht. Wenn man das Fest nicht feiern will, konsumiert man nur - es fehlt die Spannung an dem Fest. Fehlt die Spannung, dann fehlt der gefühlte Wohlklang des Festes. Jeder, der das Fest in Gemeinschaft feiern will, muss daran aktiv teilnehmen - er muss sich einbringen. Das betrifft auf der einen Seite die Ausgestaltung der Tradition - über die sich klar reden lässt - auf der anderen Seite betrifft es aber im Besonderen die innere Einstellung.
Advent bedeutet, das bewusste Einbringen der individuellen Ausrichtung in die kollektiv gelebte Ausrichtung auf Gott. Jeder kann etwas dazu beisteuern, wenn er möchte. Schließlich ist eine Tradition, die man gemeinsam weiterentwickelt und lebt, Ausdruck dieser Ausrichtung und damit Lobpreis. Es ist Gott zur Ehre.
Man brauch das Rad nicht neu erfinden - man muss sich nur gegenseitig in die Ausrichtung auf Gott mit hineinnehmen. 
Die Folge - Formen sind austauschbar, aber niemals veraltet. Es sind Ausdrucksformen, wie man Gott verehrt, persönlich und in Gemeinschaft. Dazu zählen Formen, mit Jahren an Erfahrung, sowie frische und junge Formen. Lasst uns gegenseitig daran teilhaben, wie wir uns auf Gott ausrichten - denn das ist der Kern solcher Traditionen. Im leben der Traditionen sind wir aufeinander angewiesen, so wie eine Djembe von allen Seiten gleichmäßig gespannt werden muss, damit ein Wohlklang erzeugt wird - zur Ehre Gottes.

1 Kommentar:

  1. Ich habe selten so eine gute, differenzierte und hilfreiche Auseinandersetzung mit dem Stichwort Tradition gelesen. Und gleichzeitig eine neue Definition dessen, was Lobpreis (außerdem) ist.
    Der Dorfpfarrer freut sich auch darüber, dass er mal erklärt bekommen hat, warum er es ausgerechnet zu Weihnachten so macht, wie er es macht:
    Freude an den guten Inhalten der Tradition.
    Einstreuen von neuen Elementen, die passen aber durchaus belebend wirken. (Inzwischen ist ein Lied des Dorfpfarrers Tradition geworden, ohne das geht Heilig Abend gar nichts im großen Dorf, und es ist Tradition geworden zu fragen: "Was macht der Dorfpfarrer dieses Jahr wieder?")
    Den Kern der Sache (Weihnachtsgeschichte z.B.) immer wieder fröhlich, kreativ und mit Ernst betonen und sich freuen über jeden, der kommt - denn aus Konsumenten kann der HERR des Festes Jünger machen.
    Dankbare Grüße vom alten Dorfpfarrer mitten im Weihnachtscountdown.

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