Freitag, 18. Dezember 2015

Einordnen

Ungefähr zwanzig habe ich davon in meinem Zimmer stehen. Ich benötige sie um Informationen unterschiedlichster Art beisammen zu halten. Das betrifft Vorlesungsmitschriften, wichtige Dokumente, Abrechnungen, Hausarbeiten, Notiz- und Lernzettel. 
Aktenordner sind eine gute Erfindung. Sie helfen uns Ordnung in unsere Zettelwirtschaft zu bringen und Teile unseres Lebens zu sortieren. Das gelingt nicht immer und auch nicht bei jedem, aber das Grundprinzip der individuell-sortierten Aufbewahrung funktioniert. Wir odnen die Blätter, Notizen und Informationen nach einem von uns bestimmten Prinzip und stellen sie somit in einen Zusammenhang.
Unsere individuelle und kollektive Ausrichtung auf Gott ist wie so ein Aktenordner. Im Glauben erfahren wir uns selber eingeodnet in einen sinnstiftenden Lebenszusammenhang. Wir sehen, dass unser eigenes Bild von der Welt in einem Kontext steht, den wir uns erstmal primär selber ausgedacht haben. Das liegt auch daran, dass wir nicht alles wissen können. Unser eigenes, angehäuftes Wissen ist nur ein Bruchteil des Gesamtwissens, dass wir uns als Menschheit angehäuft haben. Es ist inzwischen so viel und ausdifferenziert, dass wir uns lediglich spezialisieren können und anderes ignorieren müssen. Doch in der Ausrichtung auf Gott erfahren wir uns selber als eingeordnet in einen Zusammenhang, der uns Sinn ergibt und uns Sinn gibt. Eingeordnet in diesen Zusammenhang entdecken wir die Gelassenheit, nicht alles wissen zu brauchen. Darin wächst Vertrauen auf Gott. Ein Vertrauen, dass auch im Leid besteht, wenn alles keinen Zusammenhang mehrt hat und keinen Sinn zu ergeben scheint. Ein Vertrauen, dass uns nicht alleine lässt und erkennend zu Gott sagt: 
"Du bist hier bei mir und kennst mich durch und durch. Du verstehst mich und meine Situation. Du bist der, der bleibt. Statt zu gehen kommst du bewusst zu mir. Auf dich verlass ich mich, dir vertraue ich."
Advent bedeutet in seiner individuellen und kollektiven Ausrichtung auf Gott neu zu erkennen, dass man eingeordnet ist in einen sinnstiftenden Lebenszusammenhang. Diese Einordnung lässt uns nicht einfach in einem Regal stehen, sondern lässt uns erfahren, dass wir immer "auf Gottes Schreibtisch" liegen. In dieser Erfahrung erkennen wir Gottes Allgegenwart - im Alltag und in nicht alltäglichen Momenten.
Advent lässt in uns die Zuversicht wachsen, dass wir nicht im Schrank verstauben, sondern immer offen bei Gott "auf dem Schreibtisch" liegen.

Donnerstag, 17. Dezember 2015

erkannt werden

Ständig haben wir sie in der Hand, in den verschiedenen Formen, Farben und Größen. Sie sind aktuell nicht aus unserem Alltag wegzudenken. Wir sichern unsere Daten damit und gehen davon aus, dass jeder PC sie lesen kann - die USB-Sticks. Das besondere an ihnen ist das USB-Prinzip - ein standardisierter Anschluss der an den verschiedensten Geräten installiert ist. Jeder ist es gewohnt diese Geräte anzuschließen und der PC erkennt sie, als das was sie sind und kann mit ihnen entsprechend umgehen.
Das ist ein gutes Bild für die individuelle Ausrichtung auf Gott.
Jeder Mensch ist dazu bestimmt in Beziehung mit Gott zu leben. Dazu ist er so beschaffen, dass ihm die Ewigkeit ins Herz gelegt wurde. Wenn der Mensch sich selbst ausrichtet, also anschließt an den USB-Port, wird er erkannt als das, was er ist - so wie das angeschlossene Gerät. In der Kommunikation zwischen USB-Gerät und PC sendet das Gerät eine Information darüber an den PC, wieviel Strom er zu dem Betrieb benötigt und wie er entsprechend angesteuert werden will, damit es arbeiten kann. In der individuellen Ausrichtung auf Gott merken wir nach dem "Anschluss", dass Gott uns versteht und dass er so mit uns kommuniziert, wie wir es persönlich verstehen können. Wir bekommen die Energie, die wir benötigen und treten in einen ständigen Austausch. Die Formen dazu sind vielfältig und jeder hat seine eigenen Akzentuierungen. Gott wird unterschiedlich erfahren im Gebet, im Lobpreis, in der Theologie, im Alltag, im Musizieren und anderen künstlerischen Ausrucksweisen.
Wir werden in der Ausrichtung auf ihn so behandelt, wie wir es brauchen und verstehen können. Dadurch werden wir so gestärkt, dass wir in unserer Sprache unserer Beziehung zu ihm Ausruck verleihen können - und Gott versteht es.
Der USB-Stick lehrt uns im Advent, dass Gott uns mit allen Facetten erkennt.

Mittwoch, 16. Dezember 2015

Aerodynamik

Als ich noch ein Kind war, habe ich es geliebt, wenn mir mein Vater einen Papierflieger gebastelt hat. Ich suchte dann immer den größten Raum im Haus auf, um ihn fliegen zu sehen. Besonders spannend war es, sie aus der zweiten Etage zum Fenster hinauszubefördern. Unbedingt wollte ich sehen, wie weit und wie lang er fliegen kann. Mein Vater konnte einen Flieger bauen, der einen Looping machen konnte und danach seine Kreisen zog. Den habe ich besonders gerne im Garten getestet. Wenn ich daran zurückdenke, muss ich darüber schmunzeln, weil es damals einfach die Welt war.
Der Unterschied zwischen einem Papierflieger und einem normalen Blatt Papier ist die gewonnene Aerodynamik, die Stabilität, sowie die Gewichtsverteilung. Die Stabilität sorgt dafür, dass das Blatt seine Form behält, die Aerodynamik sorgt für entsprechende Flugmöglichkeiten und die Gewichtung in der Spitze sorgt für ein besseres Zielvermögen. 
Das ist ein gutes Bild für den Christen. Wäre der Christ alleine und würde in seinem eigenen Denken und Glauben nie "gefaltet" und korrigiert werden, durch andere Christen, so wäre er nur ein normales Blatt Papier. Ein Blatt Papier, ohne Stabilität, ohne besondere Eigenschaften. Er kann dabei mit allerlei Schrift und Zeichnungen gefüllt sein, es würde aber kein Nutzen haben. Erst die Auseinandersetzung mit anderen Christen sorgt dafür, dass Form in die Sache kommt. Jeder Knick und Riss ist wichtig um Aerodynamik, Gewichtsverteilung und Stabilität zu erzeugen. Im Bezug auf den Christen bedeutet dies, dass das eigene Denken seine Prioritäten und Gewichtungen bekommen muss. Dies ist nur in der Gemeinschaft mit anderen Christen und deren Gedanken möglich. Das ist quasi ein Ringen um die richtige Form - das ehrliche, gemeinsame Christsein. Dabei wird jeder Christ sein eigener Papierflieger mit eigenen Formen und Gedanken. Das liegt daran, dass jeder Christ mit anderen Menschen zu tun hat und entsprechend anders in der Umwelt als Christ leben muss. Mancher muss weit fliegen, mancher Kreise ziehen, mancher einen Looping machen - aber jeder muss fliegen. 
Die Abhängigkeit des Christen von anderen Christen in Form des "Faltens", kann ich nur mit Bonhoeffers Worten beschreiben: 
"Der Christus im Bruder ist stärker als der Christus in mir!"
Advent bedeutet in der Selbstausrichtung auf Gott zu erkennen, dass es einfacher ist, sich in Gemeinschaft mit anderen Christen auf Gott auszurichten. In dieser Erkenntnis der Einfachheit erkennen wir, dass der Christus im Bruder stärker an uns arbeitet, als der Christus in uns. Aufgrund des Wirkens durch den Bruder erfahren wir Halt. Wir erkennen, dass Gott an uns arbeitet. Er "knickt" uns durch unseren Bruder, um eine stabile und erwünschte Form in unser Christ-sein zu bringen. Umgekehrt macht er das auch durch uns an unserem Bruder - doch das können und brauchen wir nicht erzwingen. 
Gott ist es, der uns in dieser Welt zu einem "Papierflieger faltet" und uns "fliegen lässt".

Dienstag, 15. Dezember 2015

Notizen

Seit vielen Jahren besitze ich ein Buch, das nur eine Hand voll Leute in der Hand hielten. Es ist ein schlichtes Notizbuch, ohne Linien, Zeichen oder Bilder - nur leere Seiten. Jedes Mal, wenn ich ein gutes Zitat gefunden habe, welches mich zum Nach- und Umdenken bewegt schreibe ich es hinein. Aus guten Büchern schreibe ich Kernaussagen hinein, die mich später wieder beschäftigen sollen. Ich mag es, ab und an in diesem Buch zu blättern und die Zitate zu lesen. Das zeigt mir, wie ich einmal gedacht habe und wie ich dadurch umgedacht habe. Da viele der Zitate mit Erinnerungen verknüpft sind, macht das Lesen die Sache spannender. Diese fortlaufende Sammlung an Zitaten ist ein Ausdruck meiner Denkstruktur. Das Merken von Schlüsselbegriffen, Zitaten und Tendenzen hilft mir Gedankenstruktur zu interpolieren. Wie eine andere Person genau gedacht hat, kann ich mir nicht merken, aber welche Grundstruktur und in welche Richtung sie gedacht hat, das kann ich mir länger merken. Aus diesen Zitaten kann ich dann die Struktur selber nachdenken und meine eigenen Gedanken erweitern.
So ein Notizbuch ist eine gute Methode, um die Selbstausrichtung auf Gott in den Alltag zu übernehmen. Sprüche, Zitate, Bibelverse, Tabellen, Zusammenfassungen, Notizen, Argumente, Thesen und Antithesen - die Palette der möglichen Inhalte ist enorm. Wichtig ist aber, dass wir eine, für uns selber nachvollziehbare, Methode wählen, um unserer Selbstausrichtung auf Gott eine Hilfestellung zu geben.
Advent, als die Vorbereitung auf die Ankunft Jesu - damals, bald und heute - in der individuellen Selbstausrichtung auf Gott, ist eine ganz alltägliche Sache. Weil es aber eine beständige, alltägliche Sache ist, können wir uns solcher Methoden als Hilfestellung bedienen. Aus diesem Schatz können wir über die Jahre immer wieder Wertvolles fördern und hineinschreiben. Es verliert nicht an Wert. Im Gegenteil, der Wert steigt. Diese Form, der verschriftlicht gewordenen, persönlichen Erkenntnisse, ist aber nicht für uns alleine gedacht. Sie ist ein wichtiger Bestandteil der kollektiven Ausrichtung auf Gott. Es ist das Bewusstsein darum, dass man als nicht als "fertiger" Christ in der Nachfolge steht. Stattdessen steht man.als "Jünger", oder besser übersetzt (um frommer Überfrachtung des Begriffes vorzubeugen), als "Schüler" unter "Schülern" oder "Student" unter "Studenten", gemeinsam in der Ausrichtung auf Gott.

Montag, 14. Dezember 2015

trocken werden

Heute habe ich einen Anruf von einer guten Freundin bekommen, über den ich mich sehr gefreut habe. Es war in dem Moment eine wunderbare Abwechslung zum Alltag. M.S. ist eine der wenigen, aber guten Freunde, die mir von Früher geblieben ist. Ich schätze ihre Freundschaft sehr.
Das möchte ich euch an einem Handtuch erklären. 
Freundschaft ist wie ein großes Badehandtuch. Man gebraucht das Handtuch meist nach dem Baden oder Duschen, um sich abzutrocknen. Ebenso ist auch ein existentieller Teil von Freundschaft. Freundschaft ist im gegenseitigen Austausch auch dazu da, um gegenseitig Psychohygiene zu betreiben. Man wird wahrgenommen und nimmt den Anderen wahr in dem, was einem im Inneren bewegt und belastet. Das ist wie der erste Moment nach dem Duschen, in dem man das warme Handtuch ins Gesicht drückt und beginnt sich abzutrocknen. Ebenso wird man abgelenkt vom Alltag. Man beschäftigt sich nicht mehr mit den Dingen, die einen belasten - das gesamte Abtrocknen. Weiterhin bekommt man in dieser Freundschaft neue Kraft den Alltag zu meistern - das ist wie das "Frische-Gefühl" nach dem Duschen. 
Doch eines hat mein Badehandtuch noch: ein Bändchen zum aufzuhängen. 
So wie das Handtuch also dazu bestimmt ist, an etwas zu hängen, so ist auch der Mensch in seinen Freundschaften bestimmt an jemanden zu hängen. Emotional hängt man klar an der Person, mit der man befreundet ist. Doch diese Art wäre im Bezug auf das Bändchen ein Missverständnis, da das Bändchen während des Abtrocknens nicht benötigt wird.
Das Bändchen ist ein Hinweis darauf, dass auch eine Freundschaft die Ausrichtung auf Gott benötigt. Damit wird der gegenseitigen Überforderung vorgebeugt und garantiert, dass die Freundschaft auch das bewirken kann, wozu sie da ist. Würde das Handtuch nicht trocknen dürfen, weil es auf dem Boden in der Ecke liegt, würde es irgendwann modrig riechen und ebenso seltener bis gar nicht mehr gebraucht werden. Hängt man das Handtuch also auf, kann es trocknen und wiederverwendet werden. Mit der Freundschaft macht der Gottesbezug etwas ähnliches. Durch die gemeinsame Ausrichtung auf Gott, bewahrt man sich gegenseitig vor der Überforderung und schafft Gelassenheit. Man lernt aufzuhören, zu viel zu wollen und lässt die Freundschaft wachsen.
Im Advent dürfen wir lernen, dass Freundschaft den Gottesbezug brauch. In der gemeinsamen, freundschaftlichen Ausrichtung auf Gott nehmen wir uns gegenseitig in unserer Begrenztheit wahr, stärken einander und dürfen alles - das Gute, das Schlechte, das Belastende, das Begeisternde - in Gottes Hand abgebenen. Wir brauchen nicht alles tragen, sondern erfahren in dieser gemeinsamen Ausrichtung auf Gott das Getragenwerden von Gott.

Sonntag, 13. Dezember 2015

In der Küche

Wir alle haben es irgendwo in der Küche stehen. Wenn es fehlt suchen wir es, weil wir es brauchen und geben nicht Ruhe, bis wir es gefunden haben. Oft ist es aus Holz, hat viele Kratzer und ist vielleicht schon seit ein paar Jahren in Benutzung. Wir bereiten damit unser Essen zu, schneiden darauf Obst, Gemüse und Stollen, essen Pizza davon und backen damit Plätzchen - das Küchenbrett. 
An sich hat das Küchenbrett kein Sinn und Zweck. Wäre dem so, so wären alle Küchenbretter komplett unversehrt. Keine Kratzer, keine Verfärbungen, keine Brüche, keine Minisplitter - keine Charakteristika. Nur saubere, heile, verstaubende Bretter. Ihren Sinn entfalten sie erst in Relation zu uns. Erst wenn wir sie gebrauchen erfüllen sie ihren Zweck. In dieser Zweckerfüllung bekommen sie Kratzer, Dreck, Verfärbungen und eben jenen Charme, den sie haben. Über die Jahre hinweg kann man sogar beobachten, wie sie durch die Benutzung einen dunkleren Gesamtfarbton bekommen.
In der individuellen Selbstausrichtung auf Gott lernen wir, dass der Christ wie so ein Küchenbrett ist. An sich erfüllt er keinen Zweck. Das liegt daran, dass ein Christ nicht dazu geschaffen ist, für sich selber zu existieren und alleine nicht existieren kann. Er würde "in der Ecke" verstauben und alleine vor sich hin vegetieren. Die Beziehungen, zu denen er geschaffen wurde, würden in keiner Form gepflegt werden. Er würde nicht das tun, wofür er da ist. Doch wofür ist er da? Einfach ausgedrückt - um die Beziehungen zu pflegen in doppelter Ausrichtung: Vertikal und Horizontal. Mit "Vertikal" ist die Beziehung zu Gott gemeint und mit "Horizontal" die Beziehungen zu sowohl den Christen in der eigenen Umgebung, als auch zu den nicht-Christen in der eigenen Umgebung.
In der Auseinandersetzung und Gemeinschaftspflege bleibt man nicht unverändert. Es geschehen positive und negative Dinge durch diese Beziehungspflege. Diese werden immer wieder sichtbar bleibende Erinnerungen und Charakteristika hinterlassen - wie die Furchen auf dem Brett, die während der Zubereitung entstehen. Manches hinterlässt tiefe Spuren. Die Gesamtheit der Ereignisse formen den Menschen und geben ihm seine individuellen Charakteristika.
In der individuellen Selbstausrichtung auf Gott, die im Advent geschieht, entdecken wir, dass wir uns nicht alleine auf Gott ausrichten können. Wir entdecken, dass wir uns mit anderen zusammen auf Gott ausrichten müssen. In der daraus resultierenden, kollektiven Ausrichtung auf Gott entdecken wir, dass wir in dieser Ausrichtung nicht nur Andere mit hineinnehmen sollen. Wir entdecken unsere Verantwortung ihnen gegenüber, die Ausdruck unserer Selbstausrichtung auf Gott sein soll. 

Samstag, 12. Dezember 2015

Feinjustierung


Muttern, Schrauben, Schlüssel es gibt sie in vielen Formen und Variationen. Ohne sie wäre eine Feinjustierung nicht möglich. Wie wichtig Feinjustierungen sind, kann jeder nachvollziehen, der irgendwie mal etwas einstellen musste. Sei es eine Violine, eine Gitarre, ein Cajon und und und. Aber Schrauben und Muttern geben auch Halt. Sie halten Schränke zusammen, fixieren Dinge, wie zum Beispiel ein Stativ für ein Mikrofon oder Notenständer. Schrauben und Muttern sind schlicht aus unserem Alltag nicht wegzudenken. Die Feinjustierungen, die durch sie möglich sind, sind essentiell um vieles zu ermöglichen. Zum Beispiel wie im Bild für einen stabilen Stand einer Conga zu sorgen oder das Fell unter einer entsprechenden Spannung zu halten und damit diese zu stimmen. 
Eine Freundin von mir erzählte mir vor ein paar Tagen, dass sie Glaubenszweifel habe. Bei vielen Christen schwingt dabei ein frommer Selbstvorwurf mit, dass man nicht mehr glauben würde oder, dass man komplett falsch glauben würde. Doch das ist weit gefehlt. Glaube kann nicht ohne Zweifel. Zweifel kann man als eine Schraube definieren, die nicht richtig sitzt. Entweder ist sie zu fest, oder zu locker. In der Selbstausrichtung auf Gott sucht man nach einem passenden Schlüssel, um eine Feinjustierung vorzunehmen. Was in dieser Selbstausrichtung auf Gott geschieht, ist eine Selbsthinterfragung. Es ist die Frage, was man selbst falsch verstanden hat. Wo sieht man etwas zu eng oder zu locker, wo hat man etwas komplett falsch verstanden,... In der Schlüsselsuche und der darauf folgenden Feinjustierung hinterfragt man also seinen Glauben, so wie man ihn bisher verstanden hat. Die gute Nachricht ist, man darf falsch liegen und dankbar sein, dass man es erkennt. Es ist das Danke, welches sagt: "Du allein bist Gott und ich bin es nicht." Man kann nicht alles wissen und brauch nicht alles wissen. Es ist das geschöpfliche Danke, welches sagt, dass man selber nicht Gott ist. Und genau darin richtet man sich auf Gott aus - darin geschieht die Feinjustierung. Die Schraube wird in diesem "Danke" in die richtige Richtung gedreht. Was zu fest war, wird lockerer, was zu locker war, wird fixiert. 
Das großartige daran ist die Freiheit, die darin versteckt ist. Ich geh, als geschöpfliches Gegenüber zu Gott, davon aus, dass ich nicht Gott bin und auch nicht sein brauch. Das gesamte Leben ist ein Glaubenszweifel. Der Zweifel an dem, wie ich glaube. Glaube funktioniert nur ehrlich vor sich selber und damit ehrlich vor Gott und umgekehrt. Daraus resultiert der ehrliche und authentische Glaube vor den Menschen in meiner Umgebung. Das gesamte Leben, in der Selbstausrichtung auf Gott, ist ein beständiges Feinjustieren - diese Feinjustierung ist eine Form von Lobpreis, die nicht so leicht zu erkennen ist.

Advent bedeutet in der individuellen und kollektiven Selbstausrichtung auf Gott, sich dieser beständigen Feinjustierung neu bewusst zu werden.
In dieser Feinjustierung bedeutet Advent Lobpreis.

Freitag, 11. Dezember 2015

Nummern Zahlen Ziffern

Nummern, Zahlen, Ziffern - ich finde sie überall in meinem Alltag. Auf meinen Büchern, Filmen, Steckern, Tassen, Stiften, elektrischen Geräten, meinem Personalausweis, auf Arbeit, im Studium, bei der Krankenkasse und so weiter. Die Liste könnte ich endlos weiterführen. Eines haben sie gemeinsam - in dem Kontext in dem sie verortet werden, haben sie eine klare Bedeutung. Nicht jeder kann unmittelbar diese Bedeutung entschlüsseln, aber für bestimmte Leute und Geräte haben diese einen genauen Wert. Es werden mit der Nummer in diesem System eine oder mehrere Informationen verknüpft. Das können zum Beispiel Informationen über Herkunft, Produktionsstandort, Geburtsort, Fabrikationsnummer, Verwaltungsbezirke und ähnliche sein. Doch völlig Kontextfrei haben sie scheinbar keine Bedeutung, da sie nicht verstanden werden. In Bezug auf mich, mit all den Nummern, welche mir zugewiesen wurden, wie zum Beispiel der Krankenkasse, dem Finanzamt, der Bank, der Personalnummer etc., werde ich für die andere Seite, die mit dieser Nummer etwas anfangen möchte, komplett anonymisiert. Entsprechend distanziert werde ich auch behandelt - mal mehr oder weniger professionell.
In was für einen intensiven Gegensatz steht da die Zuwendung Gottes?
Jes 43,1
Verstehen wir die Stelle nicht falsch - das "Du" ist hier kein individuelles, sondern ein kollektives. Erst im zweiten Schritt wird es individuell und im dritten explizit christlich. Zuallererst ist dieses "Du" kollektiv gemeint. Damit ist das Volk Israel gemeint - wer genauer hinschaut merkt den Unterschied zwischen Jakob und Israel - Israel ist sogar ein Ehrentitel und beschreibt das Volk, dass sich Gott zugewendet hat. Durch die Worte "geschaffen" und "gebildet" wird ausgedrückt, dass Gott jede einzelne Person des Volkes durch und durch schon längst kennt. Im dritten Schritt wird das "du" zu einem christlichen "du". Ein "du", mit dem ich persönlich gemeint bin und identifiziert werde. In der Zuwendung zu Gott und seiner Zuwendung zu mir, bin ich Teil des Gottesvolkes. Statt einfach alleine angesprochen zu werden, werde ich in eine Gemeinschaft gestellt. Daraus resultiert ein "du", in dem ich kollektiv und individuell angesprochen werde. 
Advent bedeutet sich bewusst zu machen, dass ich in Christus nicht lediglich eine Nummer bin.
In Christus bin ich Teil einer Gemeinschaft und jemand, der in dieser Gemeinschaft mit Gott per du ist.

Donnerstag, 10. Dezember 2015

Strohsterne


Verknüpft

In der Adventszeit war eines so sicher, wie das Plätzchen backen: Strohsterne basteln. Strohsterne sind eine feine Sache. Während sie gebastelt werden lauscht man weihnachtlicher Musik, schult seine Feinmotorik und kommt nebenher noch ins Gespräch. Wenn sie einmal fertig sind, zieren sie in vielen Variationen den Weihnachtsbaum, Fenster und andere Orte, an denen sie dekorativ zur Geltung kommen können. Als vorweihnachtliches Geschenk machen sie auch einiges her, da Zeit und Liebe investiert wurden. Daher sind sie für mich ein wichtiger Bestandteil meines ästhetischen Weihnachtsempfindens geworden.
Wenn ich einen Strohstern von ganz nahe betrachte, dann scheint es so, als ob es ein unübersichtliches System sei. Doch dem ist nicht so. Es ist ein logisches Geflecht, welches ein Muster durch Wiederholungen ergibt und durch einen Faden zusammengehalten wird. Das Muster bildet sich um ein Zentrum. 
Nehmen wir den Strohstern als Bild für die kollektive Ausrichtung auf Gott. Jeder einzelne Strohhalm sei eine Person, die sich auf Gott ausrichtet. Doch richten sich die Personen nicht alle alleine aus, sondern zusammen. Gemeinsam bilden sie eine Gemeinschaft, die durch den Heiligen Geist zusammengeführt und zusammengehalten wird. Nicht jeder Strohhalm hat mit jedem zu tun, dennoch sind sie alle miteinander verbunden - die Gemeinde. Aus der Sicht eines jeden Strohhalms scheint alles unübersichtlich, da keine die Perspektive von Außen hat, dennoch weiß jeder Strohhalm, dass er sich und die Strohhalme um ihn herum auf das Zentrum ausrichtet. Das Zentrum, um das sich alle ausrichten ist Gott, wie er in Jesus Christus Mensch geworden ist.
Wenn Advent demnach die individuelle und damit ebenso die kollektiv-verwobene Ausrichtung auf Gott ist, so wie er sich uns in Christus gezeigt hat, dann sollten wir uns als Christen immer wieder unterhalten. Unterhalten sollten wir uns darüber, wie wir Gott erlebt und kennen gelernt haben. Gerade weil wir niemals ein vollständiges Bild von Gott haben können, dürfen wir von dem, wie er uns begegnet, gegenseitig erzählen und dafür Gott die Ehre geben und ihn Loben. Umgekehrt bedeutet es aber auch, dass wir in gegenseitiger Verantwortung als Christen füreinander einstehen sollen.

Mittwoch, 9. Dezember 2015

alter Rahmen


Heute habe ich einen alten Bilderrahmen in meiner Schublade gefunden. Ein wenig abgeblätterte Farbe, kleine Splitter und sehr viel Staub zierten ihn. Weder kräftiges Pusten noch ein Tuch halfen diesen spontan zu reinigen. Den alten Glanz wieder herzustellen dauert wohl etwas. Doch an seiner eigentlichen Bestimmung ändert sich nichts.
Wie diesen Bilderrahmen pflegen wir leider auch immer wieder unsere Beziehung mit Gott. 
Auf der einen Seite sind wir bestimmt in eine Beziehung mit Gott und damit in einen sinnstiftenden Lebenszusammenhang hineinversetzt. 
Auf der anderen Seite zieht es uns scheinbar immer wieder von Gott weg. Oft meinen wir, andere Dinge seien wichtiger - aber das ist ein Irrtum. Falsch wäre es zu behaupten, die anderen Dinge hätten keine Wichtigkeit. Dennoch, wenn wir unsere alltäglichen Dinge nicht aus der Gottesbeziehung heraus tun, läuft etwas falsch. Dann haben wir quasi den Rahmen - also den sinnstiftenden Lebenszusammenhang - in die Schublade gelegt. Dort kann er dann getrost verstauben, so dass wir ihn ab und an zu Besonderheiten mal herausholen können um zu zeigen, wie toll doch unser Rahmen sei.
Advent bedeutet, sich seines Lebensrahmens erneut bewusst zu werden. Das bedeutet, sich bewusst zu machen, in wessen Rahmen mein Leben eigentlich beständig steht. Es ist die Neuentdeckung des alten Rahmens, der schon viele Generationen bewegt hat. Das Bewusstsein darum, dass da Gott ist. Aber nicht irgendein fremder Gott, sondern ein Gott, der mir persönlich begegnen will - jeden Tag, sogar in den kleinsten, alltäglichen Dingen. Es bedeutet aber auch in dieser Beziehung den Mut zu finden, die Schublade nicht mehr nötig zu haben.

(c)

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